Vortrag mit Podiumsdiskussion zum Thema „Systemmodelle in der Politikberatung“
Am Mittwoch, dem 27. April 2005, veranstaltete der Abso-Verein einen Vortrag zum Thema "Systemmodelle in der Politikberatung".
Wolf-Dieter Grossmann illustrierte anhand von Fallbeispielen aus seiner eigenen Praxis in Österreich, was die Modellierung von Systemen bei der Lösung von Problemen leisten kann. Ein besonderes Augenmerk legte er auf die Rolle von Gruppen im Modellierungsprozess und dem Weg des Gruppenergebnisses zu den politischen Entscheidungsträgern. Auch auf die Bedeutung von Medien und Öffentlichkeit, die im Modellierungsprozess mitbetrachtet werden müssen, ging Grossmann ein.
Eine der Fallstudien (aus den 1980er Jahren) basierte auf einem Experten- und Stakeholder-Workshop über die Eutrophierung des Neusiedler Sees. Er berichtete, wie gleich zu Beginn durch gezielte Fragestellungen der Blick von der Eutrophierung auf das eigentliche Hauptproblem der Wirtschaftlichkeit der Großregion Neusiedler See, v.a. aus Sicht der Landwirtschaft gelenkt wurde. Anhand des gemeinsam in nur drei Tagen entwickelten Systemmodells konnte eine vergleichsweise einfache Politikempfehlung abgeleitet werden: Die Landwirte sollten für die Stilllegung ihrer Flächen entschädigt und der Naturschutz ermöglicht werden. Der Naturschutz war auch ein wesentlicher Faktor für die Entwicklung des Tourismus im Gebiet. So wurde in lediglich drei Tagen die Basis für den Nationalpark Neusiedlersee gelegt! Es dauerte jedoch weitere 18 Monate, bis die ansässigen Landwirte ins Boot geholt werden konnten - die Kommunikation der Ergebnisse aus Systemmodellen stellt daher auch einen ganz entscheidenden Faktor dar.
Grossmann berichtete auch vom Einsatz von Systemmodellen in der Stadtentwicklung Hamburg sowie im Bereich Technologischer Wandel und Innovationen zur Bekämpfung des Klimawandels. Letzteres Beispiel mündete auch in der Gründung des International Center for Climate and Society an der University of Hawaii, USA.
Wolf-Dieter Grossmann entwickelte bereits am Anfang der Diskussion über saueren Regen und Waldsterben ein Modell, das wie sich später herausstellen sollte, die Situation sehr gut abbilden konnte, hatte zu diesem Zeitpunkt aber die gesamte Community gegen sich. Ein gutes Beispiel, dass die Kommunikation der Ergebnisse von Systemmodellen sehr schwierig sein kann. Zurückzuführen ist das vermutlich auf zwei Eigenschaften, die zugleich die großen Stärken dieser Methode sind: Die Reduzierung auf wenige zentrale Variablen und kontra-intuitives Verhalten. Gute Systemmodelle entstehen aus einem Prozess der Fokussierung und Reduktion und zeigen aufgrund der vielfältigen Verknüpfungen meist unerwartetes Verhalten. Das kann sie für Personen, die nicht an der Modellierung beteiligt sind, unglaubwürdig machen, da die Reduktion nicht auf den ersten Blick als sinnvoll erkannt wird und somit die überraschenden Aussagen auf diese zurückgeführt werden.
Aus seiner Sicht sind Systemmodelle einerseits dadurch gekennzeichnet, dass sie sich auf Systeme beziehen (anstelle der Behandlung von Einzelproblemen) und andererseits dadurch, dass ihre vergleichsweise einfache Handhabung eine Einbindung von Experten verschiedenster Disziplinen und Stakeholder in den Modellierungsprozess erlaubt. Zusammenhänge werden strukturell verdeutlicht, wobei besonderes Augenmerk auf die Vernetzung sowie die Systemgrenzen gerichtet wird.
In der anschließenden, von Christian Lapp (USW-BWL) moderierten Diskussion brachten drei USW-AbsolventInnen ihre Beurteilung von Systemmodellen ein.
Markus Rieder (Maschinenbau und USW-Physik) berichtete aus seiner Erfahrung als Analyse-Spezialist bei McKinsey und data2impact, bei der er primär ökonomische Abschätzungen modelliert. Oberstes Ziel ist eine möglichst gute Abschätzung der (meist ökonomischen) Effekte, unter sehr engen Zeit- und Budgetrestriktionen. Diese anwendungsorientierte Modellierung ist sehr outputorientiert und steht daher oft im Widerspruch zur grundlagenorientierten Forschung an Universitäten.
Sandra Hafner (USW-BWL) verglich die Entscheidungsprozesse in Gruppen zwischen Mitteleuropa und Japan, wo sie an der Tokyo University für ihre Dissertation zum Thema Entscheidungsfindung in der Umweltpolitik und den dabei auftretenden interkulturellen Unterschieden forschte. Ihre Einschätzung ist, dass im asiatischen Raum die Komplexität von gesellschaftlichen Beziehungen bei Entscheidungsprozessen eine für unsere Verhältnisse enorm große Rolle spielt. Sie bezweifelt daher, dass die Methoden von Prof. Grossmann ohne starke Adaptierung in den asiatischen Raum übertragen werden könnten.
Susanne Hasenhüttl (USW-VWL) berichtete aus ihrer Erfahrung bei der ÖGUT (Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik), die seit den Ursprüngen der Umweltbewegung in Österreich die Gesprächsbasis über Umweltthemen schafft um Umweltgruppierungen, Ministerien, Interessensvertretungen und Unternehmen an einen Tisch zu bringen. Ziel ist daher primär die Mediation und „Übersetzungsarbeit“, wissenschaftliche Forschung nur sekundär. Prinzipiell werden Methoden verwendet, die denen der von Prof. Grossmann genannten ähnlich sind, eine systemwissenschaftliche Modellierung wurde jedoch bislang nicht versucht.
Prof. Dr. Wolf-Dieter Grossmann war im Sommersemester 2005 als Gastprofessor für Systemwissenschaften an der Uni Graz. Er ist Mitbegründer des International Center for Climate and Society an der University of Hawaii, USA, wo er auch als Professor tätig ist und fungiert als Leiter des Bereichs Regional Future Models am UFZ Center for Environmental Research in Leipzig/Halle. Mit Österreich verbinden ihn mehrjährige Tätigkeiten an der Akademie der Wissenschaften, dem International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) in Laxenburg und der Wirtschaftsuniversität Wien.
Mag. Sandra Hafner hat USW mit Schwerpunkt BWL absolviert, war im deutschen Umweltministerium in Berlin in der Vorbereitung politischer Entscheidungen tätig und hat die letzten beiden Jahre an der Tokyo University für ihre Dissertation zum Thema Entscheidungsfindung in der Umweltpolitik und den dabei auftretenden interkulturellen Unterschieden geforscht.
Mag. Susanne Hasenhüttl ist USW-VWL Absolventin und nach einer 12-monatigen Beschäftigung im Bereich Projektmanagement an der WU-Wien seit September 2001 an der ÖGUT (Österreichische Gesellschaft für Umwelt und Technik) tätig. Dort bearbeitet sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Ökologische Ökonomie u.a. die Themen „Nachhaltige Produkte“ sowie „ethische und ökologische Geldanlagen“.
Dr. Markus Rieder ist nach seinem abgeschlossenen Maschinenbaustudium nach Graz gekommen, um USW-Physik zu studieren und hat im Anschluss daran mit einer Dissertation zum Thema Atmosphärenfernerkundung am Institut für Geophysik sub auspiciis praesidentis promoviert. Nach seiner Tätigkeit als Analyse-Spezialist bei McKinsey in Deutschland hat er sich als Unternehmensberater selbständig gemacht und unterstützt namhafte Firmen im Umgang mit vielen und großen Zahlen.
Mag. Christian Lapp ist USW-BWL-Absolvent, Vorstandsmitglied des USW-Abso-Vereins und lehrt Systemwissenschaften. Sowohl praktisch als auch im Rahmen seiner Dissertation beschäftigt er sich mit System-Denk-Beratung für Unternehmen und Organisationen.
Bericht: Birgit Friedl, Christian Lapp







Umweltsystemwissenschaften
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