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Technik und Herrschaft

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Foto: Al_fred (http://flickr.com/photos/al_fred/) Creative-Commons-Lizenz BY-NC-SAModerne Technik ist nicht zu Trennen von der Gesellschaft, in der sie entsteht. Sie wird missbraucht, als Machtinstrument und dient, das Wissen um sie eingesetzt, als Regulator zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Schichten. Am deutlichsten wird dies, wenn wir uns einem technischen Meisterwerk zuwenden: der modernen Stadt.

Geht man nach Otto Ullrichs Aussage des "Kapital und Technik als enges Bündnis" so wird dies in der Stadt am deutlichsten. Die Symbiose aus gesellschaftlichen Strukturen und moderner Technik erzwingt geradezu die fortschreitende Konsumation abhängiger Betriebsmittel.

Wenden wir uns als Beispiel der Stadt Brasilia zu: Sie sollte, am Reißbrett geplant, alle Vorzüge einer modernen Stadt bieten ohne auf gewachsene historische Nachteile eingehen zu müssen. Das Experiment scheiterte kläglich. Denn, was man in den 50er Jahren als perfekte Symbiose einer fortschrittlichen Stadt verstand, erzeugte drei getrennte Stadtstrukturen für Arbeit, Freizeit und Wohnen. Verbunden wurden die einzelnen Teile durch mehrspurige Autobahnen, auf denen, so die Idee, die Bewohner bequem mit ihrem Privatauto verkehren sollten.

Das Sinnbild dieser Stadt stand im Einklang mit den Ideen von Le Corbusier. Der französische Architekt verlangte eine radikale Abkehr der Architektur von bestehenden Paradigmen um den fortschreitenden technischen Entwicklungen Platz zu geben. Bauten sollen reine Zweckbauten sein, Städte rein auf Effizienz getrimmt. Der technokratische Ansatz übersah den Wunsch der Bewohner nach Identität und Geschichte [1]. Dennoch verwirklichten seine Schüler Brasilia.

"Wie weit ein Forscher schon allein durch den Stil seines Denkens und Handelns an den Zerstörungstendenzen der Zeit mitschuldig wird". Die Aussage des österreichischen Zukunftsforschers Robert Jungk bewahrheitete sich: 50 Jahre später ist Brasilia ohne Seele. Die Mittel- und Oberschicht der Beamten, für die diese Stadt errichtet wurde, flieht am Wochenende aus der Stadt. Die Bauarbeiter, die die Stadt errichteten oder unwillkommene Immigranten ließ man nicht in die Stadt, sondern schob sie in Slums ab. Ohne Kapital für ein eigenes Auto wäre diese Stadt für sie auch fast unbewohnbar.

Eine Zersiedelung - anzutreffen vor allem in Amerikanischen Städten mit ihren Einfamilienhausparks - verhindert die Entwicklung eines "kulturellen Unterholzes". So verkommen ganze Städte oder Stadtteile zu reinen Schlafstätten, denn das urbane Leben findet woanders statt. Auch so zwingt man die Bewohner zur Anschaffung von Autos.

Dass es auch anders geht zeigt das Beispiel Venedig: Kompakt, alle Wege zu Fuß erreichbar, die Autos werden ausgesperrt. Dass diese Stadt seit Jahrhunderten als Touristenattraktion gilt, zeigt auch, wie verkehrt eine Stadtentwicklung ist, die ausschließlich den Individualverkehr im Sinne hatte. Venedig verkörpert heute noch das ideale Stadtkonzept [2].

Am Beispiel der Stadt verifiziert sich die Aussage von Ullrich: "Technik und Herrschaft doch enger verknüpft sind, als nur durch eine falsche Anwendung": Zersiedelte Wohngegenden erzwingen, gleich welchen Systems, die Investition in Individualverkehrsmittel, mit den damit verbundenen Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft. Das Wissen der Ingenieure und Wissenschaftler hat daher sowohl für das Kapital als auch für den Staat eine wesentliche Bedeutung.

Autor: Franz Fuchs
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CC-BY-SA  Dieser Artikel ist freigegeben unter den Bedingungen der „Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Austria

 

Über Otto Ullrich

Gebohren 1938, studierte er Soziologie, Sozialpsychologie und Wirtschaftswissenschaften in Berlin und London. Seine Habilitationsschrift "Technik und Herrschaft" beschäftigt sich mit dem Zusammenhang von Technik, Wissenschaft und Kapital.

Quellen:

[1] Willenbrock, Harald; "Venedig schlägt Los Angeles"; In: Brand Eins 12/2007
[2] Ebenda

 

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