Der Film "The 4th Revolution - Energy Autonomy" verspricht, dass wir in Zukunft unsere komplette Energie aus Erneuerbaren gewinnen können. Aber geht das wirklich? Eine Analyse der Rahmenbedingungen in Österreich schafft Klarheit.
Beginnen wir bei den Heizungen: Diese können entweder mit fossilen Brennstoffen wie Kohle, Erdöl, Erdgas befeuert werden, oder man verwendet Erneuerbare Energieträger wie Biomasse (Holz, Pellets, Hackschnitzel), Sonne (Solarkollektoren) oder Erd- und Umgebungswärme (Wärmepumpen). Zudem gibt es die besonders unsinnige Variante der Stromheizung, wo hochwertige Elektrizität in niederwertige Wärme umgewandelt wird. Wieviel geheizt werden muss, hängt dabei in erster Linie davon ab, wie gut das Haus gedämmt ist. Hier gibt es seit Jahrzehnten Passivhäuser, die ohne den Einsatz fossiler Brennstoffe ganzjährig angenehm temperiert sind. Auch alte Gebäude sind geeignet, durch Wärmedämmung auf Passivhaus-Standard gebracht zu werden. Dafür muss kein Styropor verwendet werden: Auch Lehm, Stroh oder Schafwolle sind exzellente Dämmstoffe. Heizen mit 100 % Erneuerbaren ist somit kein Problem. Da heißt es nur Gas geben bei der Sanierung der alten Gebäude; und für neue Gebäude den Passivhaus-Standard verpflichtend vorschreiben.
Das gleiche gilt auch für das Thema Kühlung: Klimaanlagen fressen enorme Strommengen, sind aber in Passivhäusern gar nicht mehr nötig. Und falls doch, gibt es bereits marktreife Konzepte für die solare Kühlung.
Viel Energie wird auch für die Warmwasser-Aufbereitung gebraucht. Hier werden häufig Strom-Boiler eingesetzt - was wie oben beschreiben energetisch betrachtet ein riesiger Unsinn ist. Wasser kann auch zentral mit Biomasse oder Solarkollektoren erhitzt werden - am besten gleich in Verbindung mit der Heizung. Auch Warmwasser zu 100 % aus Erneuerbaren ist somit unproblematisch. Die Politik muss nur die entsprechenden Vorgaben dafür schaffen.
Etwas schwieriger ist die Situation im Bereich der elektrischen Energie (Strom). Dieser wird nicht nur für den Betrieb von Lampen und elektrischen Maschinen in Unternehmen und Privathaushalten verwendet, sondern wird in Zukunft auch im Verkehrsbereich eine immer größere Rolle spielen. Zudem werden große Strommengen auch - wie eben beschrieben - für Heizung, Kühlung und Warmwasser-Aufbereitung vergeudet. Fallen diese Bereiche weg, kann Österreich hinkünftig die benötigte Energie aber leicht zu 100 % aus Erneuerbaren gewinnen. Das Rückgrat dafür bilden die bestehenden Wasserkraftwerke. Hinzu kommen ein paar neue Windräder, einige neue Photovoltaik-Anlagen und mehrere Biomasse-Kraftwerke (Diagramm dazu). Alle fossilen Kraftwerke können somit getrost abgeschaltet werden. Natürlich müssen dafür die Speicherkapazitäten erhöht und europaweite Netze errichtet werden, um regionale Schwankungen zu vermeiden. Derzeit investiert man aber lieber noch in unnötige Pipelines und noch unnötigere Gaskraftwerke. Die mächtigen Energiekonzerne wollen ihren Gewinn maximieren - und mehr und mehr Strom verkaufen. Als technologischer Sicht sind fossile Kraftwerke jedenfalls nicht mehr notwendig; und ökologisch ist die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas sowieso eine Katastrophe.
Kommen wir abschließend noch zum Verkehr: Hier sind wir derzeit wohl noch am weitesten von 100 % Erneuerbaren entfernt. Die derzeit beigementen Bio-Treibstoffe sind reine Augenauswischerei und bringen genau gar keine CO2-Reduktion. Der große Hoffnungsträger heißt jetzt Elektromobilität. Dennoch ist das Elektroauto für jedermann unrealistisch. Wenn man in absehbarer Zeit tatsächlich zu einem nachhaltigen Verkehrssystem kommen will, muss der Personenverkehr massiv auf Bus, Bahn, Bim, Fahrrad und Fußverkehr verlagert werden - ergänzt durch ein Elektroauto-Carsharing. Mit entsprechenden fiskalischen und raumordnungspolitischen Maßnahmen ist das innerhalb der nächsten 20 Jahre sicher möglich. Der Gütertransport muss großteils auf die Schiene verlagert werden - Elektro-Lkws können dann die letzten Kilometer zum Einzelhändler zurücklegen. Auch das ist bei steigenden Preisen für Diesel nicht unrealistisch. Natürlich bedarf es aber auch hier entsprechender politischer Anstrengungen.
Eine Analyse der Rahmenbedingungen in Österreich zeigt also: 100 % Energie aus Erneuerbaren in Österreich ist von technologischer Seite kein Problem. Problematisch ist lediglich die Macht der Energie- und Mineralölkonzerne, die jegliche weitergehende Anstrengungen vonseiten der Politik mit fadenscheinigen Argumenten unterbinden. An alle Leser dieses Blogs geht daher der Appell: Wer von "Prognosen für einen immer weiter wachsenden Energiebedarf", von "Gaskraftwerken als Übergangslösung" oder von einer "unbedingt nötigen Grundlast durch fossile Kraftwerke" hört, möge sofort mit "So ein Unsinn!" reagieren. Und dann zum Besten geben, was er oder sie in den letzten fünf Minuten gelesen hat.
Autor: Christian Kozina
Sein Blog ist zu finden unter http://klimavision.blogspot.com






Umweltsystemwissenschaften
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