• Increase font size
  • Default font size
  • Decrease font size
Startseite USW-Magazin USW-Cafe Die Sache mit den autofahrenden Chinesen

Die Sache mit den autofahrenden Chinesen

E-Mail Drucken PDF
Foto: Scalino / On The Road Again @ Flickr (CC BY-NC 2.0)

„Wenn die Chinesen anfangen Auto zu fahren zerstören sie unser Klima“ ist ein populäres Argument – ganz besonders unter umweltbewussten Menschen. Es taucht immer wieder auf - analog auch für andere große Länder oder Regionen - und ist trotz der inhärenten Ungerechtigkeit die in dieser Aussage mitschwingt kaum tot zu kriegen. Warum eigentlich? Und was hat das mit Öko-Kolonialismus zu tun?

Es ist zum verrückt werden. Gesteht man allen Menschen am Planeten Erde den gleichen Anspruch auf Energie und Ressourcen zu, ist der Planet ökologisch am Ende. Die Schlussfolgerung, dass daher andere Länder gefälligst nicht so viel Dreck machen sollen, liegt auf der Hand und doch ist sie grundfalsch. Beispielhaft und vereinfacht gesagt, sind nicht die autofahrenden Chinesen das Problem, sondern der Energie- und Ressourcenhunger industrialisierter Länder. Diese konnten über Jahrzehnte schalten und walten ohne allzu viel an die Umwelt zu denken. Österreich war und ist da trotz Öko-Image keine Ausnahme. Die Schlussfolgerung muss also sein, dass diese Länder ihren Beitrag zur globalen Umweltverschmutzung reduzieren müssen während man anderen Ländern und Regionen ein Recht auf Entwicklung einräumt. Das muss auch gelten, wenn solche Länder nicht den allerletzten Umweltstandard erfüllen (wollen). Entwicklung ist ein Prozess. Als solchen kann und darf man ihn anderen Menschen oder auch Ländern nicht aufoktroyieren.

Öko-Kolonialismus

Eine verkürzte Argumentation die sich ausschließlich auf ökologische Aspekte bezieht ist also einseitig und unfair – manchmal auch naiv. Nicht zufällig ruht die Nachhaltigkeit auf drei Säulen, die sich neben der ökologischen und ökonomischen auch durch die gleichberechtigte soziale Dimension konstituieren. Eine in sich schlüssige Argumentation in Richtung der Nachhaltigen Entwicklung muss daher auch immer diesen sozialen Beitrag beachten. In diesem Fall eben das Recht auf Entwicklung und freie Entfaltung. Das Argument mit den autofahrenden Chinesen tut das jedenfalls nicht.

Die edlen Wilden

Eine verkappte Form dieser Argumentationslinie besteht darin, Menschen aus Entwicklungsländern den Willen zur Entwicklung abzusprechen. Das romantische Bild der (an dieser Stelle sei die Formulierung entschuldigt) singenden und tanzenden „Negerkinder“, denen es in ihren Hütten und umgeben von ihrer Großfamilie an nichts fehlen würde, hält sich aber beharrlich. Es ist vor allem auch im Umfeld umweltbewusster Menschen immer wieder zu hören denn eine derartige Lebensweise wird mit „im Einklang mit der Natur“ gleichgesetzt. Wer dieser falschen Denkweise aufsitzt übersieht, dass ganz besonders in armen Weltgegenden keine freie Wahl der Lebensweise besteht. Und es besteht kein Zweifel, dass die meisten Menschen – bestimmt nicht alle - einen „entwickelten“ Lebensstandard vorziehen würden. Daraus darf jedoch nicht geschlussfolgert werden, dass man anderen Menschen einen Lebensstil vorschreibt. Entwicklung ist, wie bereits erwähnt, ein Prozess den man selber gestalten muss und der auch unterschiedliche Ausformungen erreichen kann.

In diesem Zusammenhang ist es auch wichtig anzuerkennen, dass man beim Thema Entwicklung oft an sprachliche Grenzen stößt. Entwickelt oder industrialisiert ist nicht automatisch gut, arm zu sein ist nicht automatisch schlecht und nicht entwickelt heißt nicht unterentwickelt. Neben ideologischen und weltbildlichen Schwierigkeiten sind es diese semantischen Tretminen die eine Diskussion über dieses Thema vorurteilsbeladen und schwierig machen. Zentral ist jedoch – und das sollte in diesem Artikel betont werden - allen Menschen das Recht einzuräumen ihre eigene Umwelt zu gestalten und zu verändern. Wenn dies bedeutet, dass die Chinesen eines Tages alle beginnen Auto zu fahren muss man das akzeptieren. Es bleibt nur zu hoffen, dass wir dann nicht mehr die gleichen ölfressenden und stinkenden Dreckschleudern fahren wie heute.

Ein Beitrag von Hans Rosling geht auf dieses Thema ein und erklärt, warum alle eine Waschmaschine haben wollen: http://www.ted.com/talks/hans_rosling_and_the_magic_washing_machine.html





Autor: Andreas Kreuzeder
andreas.kreuzeder[at]gmx.at

  Du musst dich anmelden oder registrieren um diesen Artikel zu kommentieren. Kommentiere diesen Artikel! (3 Beiträge bislang)

Anmelden