
Seit Fukushima ist die Stimmung eindeutig: Atomkraftwerke müssen abgeschaltet werden, und zwar bald. Fein natürlich, wenn man sie wie Österreich erst gar nicht eingeschaltet hat. In Ländern, die den Atom-Ausstieg vorbereiten, ist die Situation jedoch komplexer: Mit Abschalten alleine ist es nicht getan. Windkraft und Co stoßen dabei nicht überall auf Gegenliebe.
Die Stromversorgung in Deutschland darf hier als Beispiel genommen werden. Die derzeitige zentrale Versorgung orientierte sich an den gegebenen Ressourcen: im rohstoffreichen Nordwesten dominieren die Kohlekraftwerke, während im Süden Haushalte und Industrie von Atomkraftwerken mit Strom beliefert werden. Sollte Windstrom, der große Hoffnungsträger, diese Kraftwerke ablösen, kommt es offensichtlich zu einem Transportproblem: Die großen Offshore-Anlagen stehen im Norden, der bisher nur unzureichend mit Hochspannungsleitungen erschlossen ist. Dies führt schon jetzt zur paradoxen Situation, dass Windräder abgeschaltet werden müssen, da der von ihnen produzierte Strom nicht rasch genug an VerbraucherInnen weitergeleitet werden kann. Kommen die geplanten großen Offshore-Windparks hinzu, droht dem Leitungsnetz der endgültige Kollaps. Gebaut werden müssen sie aber trotzdem. Je schneller der Atomausstieg kommt, desto rascher brauchen wir die Windparks.
Wer möchte ein Windrad in seinem Garten?
Dezentrale Strukturen können sowohl die Versorgung sichern, als auch die regionale Wertschöpfung erhöhen. Allerdings werden dadurch die Einschnitte in den Lebensbereich der Einzelnen auch sichtbarer. Zentrale Versorgung erzeugte eher ein diffuses Sicherheitsgefühl: Steht das Kraftwerk Dutzende, Hunderte Kilometer entfernt, hilft das zwar nichts bei einem atomaren Unfall – allerdings ist im alltäglichen Leben der Blick nicht direkt darauf gerichtet. Anders bei dezentraler Versorgung: Hier rückt das Windrad, die Biogasanlage oder die dazu nötige Hochspannungstrasse direkt in das Auge des Betrachters oder der Betrachterin.
„Wasch mir den Pelz, aber mach‘ mich nicht nass“
Der Aufwand, der mit der Stromerzeugung und -distribution verbunden ist, lässt sich nicht unsichtbar machen und die nötigen Ausbaumaßnahmen der Infrastruktur werden nicht überall auf Gegenliebe stoßen. Es ist eine Mär, dass sich die Energiewende ohne BürgerInnenproteste umsetzen lässt.
Erschienen im URBImagazin 03/2011 (Mai)
Autor: Franz Fuchs
E-Mail: franz.fuchs[at]edu.uni-graz.at
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